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Gut gerichtet

Über die Richtcharakteristik von Mikrofonen

Grundsätzlich ist Pfeifen auf der Bühne verboten. Warum eigentlich? Das hat einen historischen Grund: Die alten Theaterbühnen wurden vor der Erfindung der Glühbirne mit Gaslampen erhellt. Ging die Flamme aus, pfiff das Gasventil. Ein lebensrettendes Geräusch, das man nicht nachahmen wollte, nach dem Motto: Wer einmal pfeift, dem glaubt man nicht.

Aber auch heute ist Pfeifen gefürchtet. Denn heut ist dieses Pfeifen verstärkt, heißt Feedback und ist so laut, dass alle hellhörigen Zellen zu sterben scheinen. So eine miese TontechnikerIn!

Wie entsteht Feedback?

Feedback ist eine Schleife. Das Signal, das vom Mikrofon aufgenommen wird, wird verstärkt und zum Monitor zurückgeschickt, der es wieder in Schall umwandelt, welcher wieder vom Mikro aufgenommen wird und …

Mit welchen Mitteln kann man diese Schleife unterbinden?

Hier kommt die Richtcharakteristik des Mikrofons ins Spiel. Die Entwickler haben sich ein System von Öffnungen um die Mikrofonmembran errechnet, das den Schall, wenn er von einer bestimmten Richtung kommt, umlenkt und verzögert, so dass er den nicht verzögerten Schall aus anderer Einfallsrichtung überlappt und sich selbst auslöscht. Ui, ein ganz simples System kompliziert erklärt. Reine Physik.

Jedes Mikrofon hat eine Richtcharakteristik, je nach dem System an kleinen Löchern im Gehäuse rund um seine Membran. Meist sind diese Löcher von einer Metallgitterkapsel verdeckt, so dass man sie nur wahrnimmt, wenn so ein supercooler Superstar mit seinem hypersupercoolen Handgriff die Kapsel und damit die Löcher verschließt und es auf der Bühne zu pfeifen beginnt.

Mikros ohne Löcher haben eine Kugelcharakteristik, sie nehmen den Schall von allen Seiten gleich gut auf. Diese werden gerne in der Klassik für die Aufnahme eines besonders guten Raumklanges eingesetzt. Bei verstärkter Musik mit Monitoring werden sie wegen der Feedbackgefahr so gut wie nicht verwendet.

Sänger haben oft ein Mikro mit einer Nierenrichtcharakteristik. Das heißt, Schall, der von hinten auf das Mikro trifft, wird ausgeblendet. Vorn sing ich rein, hinten, wo’s Kabel rauskommt, blendet es aus. Hab ich nun einen Monitor vor mir stehen, steht der nicht genau im Winkel vor meinem Kopf, sondern schräg unter mir. Pfeift es, geh ich einen Schritt zurück und halte das Mik genau so, dass das Kabel zur Box zeigt, und zeige dem Techniker den Vogel. Der wird mir den Vogel zurück zeigen und mich fragen, wieso ich mein Mikro beim Verbeugen mit der Membran voran genau in den Monitor hinein gehalten hab.

Dann gibts noch Mikros mit einer Supernierenempfindlichkeit. Das heißt, dass der Schall auch von einem Einfallswinkel von 90 Grad schon erheblich abgedämpft wird, was für uns eine gute Idee ist, da der Monitor meist in diesem Winkel auf das Mikrofon in unserer Hand gerichtet wird. Superniere hat also einen kleinen Feedbackvorteil für SängerInnen gegenüber der Niere.

Trotzdem kann auch der Techniker und auch die Musikerkollegen eine erhebliche Mitverantwortung am Feedback tragen. Einfach, weil alles zu laut auf der Bühne eingestellt ist und man vor lauter geilen Sound nix mehr hört. Die Musiker müssen einen Sound suchen, mit dem sie am besten arbeiten können, bei dem sie sich differenziert hören können. Selbst ein Schlagzeuger hat nicht das recht, Kontrabass, Klavier und Stimme einfach zu erschlagen. Er muss sein Set und sein Spiel anpassen. Ein Recht auf geilen Sound hat nur das Publikum.

Die Tontechnik hat außerdem noch die Möglichkeit im Vorfeld, vor dem Soundcheck, die für Feedback besonders anfälligen Frequenzen aus dem gesamten Spektrum abzusenken. Dadurch kann später ein etwas lauterer Monitormix gefahren werden. Ich persönlich bin da vorsichtig, denn wenn nicht absolut gekonnt und feinfühlig „ausgepfiffen“ wurde, fehlen meist ganze Frequenzbündel im Monitormix, die ich für meine Stimmwahrnehmung brauche, das heißt, statt einem knusprigen Sound mit reichen Höhen bekomme ich nur mehr eine dumpfe Mittenlast, die mir keinen Halt mehr gibt. Doch jeder Sänger hat andere Anforderungen an seinen Monitormix.

Wenn gar nichts hilft, ein Blechblasorchester und drei Schlagwerke hinter mir stehen und mich wegblasen, dann sei mir dringend neben einer Superniere ein InEarsystem geraten!

Published inBühnentechnik

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