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1. Üben, üben, üben

Als ich noch ein junges Küken von vierzehn Jahren war, passierte ich irrtümlich die Aufnahmsprüfung ins Konservatorium, heute MUK — Musik und Kunst Privatuniversität Wien. Wo ich, das Mädel, noch gar nicht ausgewachsen war. Wiener Kindern war das Singenlernen nämlich nur bei den Sängerknaben gestattet. Wegen der Selbstverletzungsgefahr. X-Chromosomträgerinnen hatten da nur Yentl als Vorbild.

Linientreu singen, wie es uns unsere Lehrperson präsentiert, war ab da angesagt. Jede andere Technik, im Klassenzimmer eine Tür weiter links, rechts, drunter oder drüber unterrichtet, sei schädlich, gefährlich, unwürdig, armselig und bei Gott mies.

Wenn ein Skifahrer das Fitnessstudio seiner Vielfalt an Geräten wegen meidet und nur Hügelrunterflutschen trainiert, wird er dann den Riesentorlauf gewinnen? Eh kloa! Der Hermann Maier hats auch nicht nötig gehabt, so ein Genie!

Das Sonderbare an der Gschicht ist, dass sich wenig geändert hat in unseren Breitengraden. Noch heute scheint die Angst vor der Bewegung falscher Muskelgruppen die Menschheit vor einer Flut von guten Sängern zu bewahren. Die Auswertung eines Fragebogens, der an Gesangslehrer verschiedenster Genres verschickt worden ist, hat ergeben, dass bevorzugt das, was der Lehrer nicht versteht, weil er es nicht in seinem Repertoire hat, als „schädlich für die Stimme“ erachtet wird. Klar, deshalb haben die Inuit mit ihrem Untertongesang auch keine Chance, drei Mal versucht und schon grissen de Bandln.

Hier möchte ich den verzweifelt suchenden Sänger gern zu seinem Verstand zurück führen. Singen ist Sport. Muskeln möchten bewegt werden, Stimmbänder möchten schwingen. Wer beim Singen schnell heiser wird, soll auf die Suche nach dem Warum gehen und seine Technik dementsprechend ändern. Und da kommen wir unweigerlich zu den wenigen simplen physiologisch bedingten Grundregeln, die einzuhalten sind, wurscht ob man beltet oder pfeift oder röhrt oder Opern jodelt.

Ich möchte euch SängerInnen da draußen animieren, alles auszuprobieren, was möglich ist. Jeder Stil will kopiert, jede nur erdenkliche Kehlkopfstellung getestet werden. Was steckt in der Stimme, welche Möglichkeiten hab ich? Nachmachen, erforschen, nachhören, nachspüren, wie macht sie das, wie macht er das, wann atmet sie, warum kann ich das nicht?! Gebt die Verantwortung für eure Forschungsreise nicht an Lehrer ab. Probiert auch aus, was euch nicht gefällt. Oft lösen fremde Ansätze hauseigene Probleme, einfach, weil ein Muskel, den man vorher gar nicht registriert hat, plötzlich Kraft hat.

Dehnen und Gähnen, eh, immer locker. Aber nur mit Dehnen und Gähnen allein werdet ihr keine Oper singen, auch keine Rhapsody.

Ich habe für mein tägliches Üben den Ausdruck „mit den Stimmbändern Gassi gehn“ gefunden. Jeden Tag braucht es etwas anderes, manchmal flutscht es, manchmal krächzt es. Wenns krächzt, dann bleib ich stehn und lass schnüffeln. Manchmal geh ich auch ein paar Schritte zurück. Wenn die Stimme laufen will, dann jage ich hinterher! Ich zwinge sie jedoch nicht. Ich zerre sie nicht ummanand. Ich ramme ihr nicht die Sporen in die Flanken. Ich lasse sie erkunden, fordere sie heraus, vermeide aber jede Überforderung, weil ich weiß, dass der, der langsam geht, schnell voran kommt und umgekehrt.

Wie oft und lang also üben?

Täglich natürlich, so wie jeder Musiker auf der ganzen Welt täglich übt und zwar sein Leben lang. Wer beginnt, sollte nicht mit einer Stunde einsteigen, sondern einer Viertelstunde und die dann genüsslich steigern. Jede Überforderung ist einer Verletzung gleichzusetzen und zwingt uns zum Pausieren. Man übt nicht auf beleidigten Stimmbändern. Man kann sie dann nur mit zärtlichem Vibrieren animieren, vielleicht mag sie ja doch a Wengerl. Am Besten ihr führt Tagebuch. Ich benütze diese App, ich mag digitale Spielereien und ein Metronom beim Üben ist sowieso ein Muss. Wenn ihr andere praktische Tools habt, bitte lasst uns daran teilhaben!

Published inGrundsätzlichesÜben

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